Warum man in Arbeiterfamilien früher stirbt

Prof. Dr. Gerd Glaeske will mit hochspannendem Referat im "Länger besser leben"-Forum auch Schaumburgs Lehrer und Politiker erreichen

SCHAUMBURG. Warum sollten Arbeiter aus der Glasfabrik und Müllwerker ebenso zu einem Vortrag über das Thema Arzneimittel gehen, wie Lehrer und Kommunalpolitiker? Ganz klar: Weil die einen dort erfahren, warum ihr Leben statistisch zehn Jahre vor dem eines Hochschulprofessors endet und die anderen Ideen mit auf den Weg bekommen, wie sie das ändern können. Zu diesem Referat, spannender als ein Kriminalfilm, laden BKK24 und VHS Schaumburg am 15. November in ihr "Länger besser leben"-Forum nach Bückeburg ein.

Am Rednerpult wird Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske stehen. Ein Mann, der sonst als Experte für Gesundheitsthemen auf den Sofas der Fernseh-Talkshows sitzt und auf dessen Rat zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) hören. "Es gibt schwere Fehler in unserem System", lautet seine Anklage. "Statt Krankheiten zu verhindern glauben wir immer noch an den Mythos, nur mit der richtigen Pille alles heilen zu können." Stattdessen jedoch versetzen wir unserer Lebensqualität durch Neben- und Wechselwirkungen nicht selten den endgültigen Todesstoß.

Prof. Glaeske wird im Forum quasi den Indizienbeweis antreten, dass die in der Pisa-Studie entdeckten Wissenslücken und eine Art unterlassene Hilfeleistung der Gesundheitspolitik Menschen aus sozial schwachen Familien früher töten. In der Schule lernen sie nicht, wie man sich mit einfachen Mitteln vor den großen Volkskrankheiten schützt. Die Ärzte werden nicht dafür bezahlt, dieses Wissen nachträglich zu vermitteln. Und Komplize der Systemschwäche sei der Fehlglaube, dass man für ein längeres besseres Leben das Schnitzel gegen ein Salatblatt tauschen, ständig Geld für Fitness-Studios ausgeben und auf sein Feierabend-Bierchen verzichten müsse. "So kann das nichts werden", weiß der Professor.

Natürlich sei ihm klar, dass der Staat auch weiterhin 20 Milliarden Euro im Jahr mit dem Besteuern genau der Dinge verdienen will, die uns krank machen. Natürlich wisse er, dass ein zukunftsweisendes Präventionsgesetz seit dem letzten Jahrhundert an Eigeninteressen und Lobbyisten scheitert. Doch gerade weil das so sei, dürfe man nicht kapitulieren, sondern müsse erst recht die Ärmel hochkrempeln. Kinder seien dabei eine der wichtigsten Zielgruppen. Nicht weil Mädchen und Jungen aus sozial schwachen Familien sehr viel häufiger wegen krankhaften Übergewichts behandelt werden müssen. Sondern weil sie noch erreichbar sind, im Kindergarten, in der Schule und im Sportverein. Aus Bremen, wo er seine Professur hat, will Gerd Glaeske Beispiele mitbringen. Dort habe man die harten Männer von der Müllabfuhr sogar nach Feierabend zu einem Kochkurs locken können, weil sie ihre Kids mitbringen durften. "Die haben erlebt, wie viel Spaß Prävention machen kann."

Allerdings hat der Wissenschaftler hat nicht nur Tipps für Tagesstätten, Bildungseinrichtungen und Sportvereine, sondern auch für die Kommunalpolitik. "In einer Stadt kann man auch ohne neue Gesetze unglaublich viele Dinge regeln", meint Prof. Glaeske. Die "Länger besser leben"-Programme in Obernkirchen und Stadthagen, die er im Beirat wissenschaftlich begleitet, könnten dafür bereits die Initialzündung liefern. "Schaltet um 23 Uhr das Licht in der Turnhalle an, dann machen die Jugendlichen auf dem Weg in die Disko einen Zwischenstopp an der Tischtennisplatte."

Diesen spannenden und mit scharfen Worten bewaffneten Referenten zu erleben kostet mit sechs Euro Eintritt zwar ohnehin weniger, als der Eintritt in den Kino-Krimi. Doch die BKK24 setzt noch einen Anreiz drauf und spendiert jedem einen Gutschein, der sich dafür auf der Internetseite www.LBL-Stadt.de registriert oder in eines der ServiceCenter kommt. Warum Prävention selten Arzneimittel braucht erfahren die Besucher dann am 15. November, ab 19 Uhr, in den Räumen der Volkshochschule am Bückeburger Schlossplatz.

Fragebogen
"Fehler im Bildungs- und Gesundheitssystem lassen zu viele Menschen zu früh sterben", sagt der Präventionsexperte Prof. Dr. Glaeske.
Portraitfoto Prof. Dr. Gerd Glaeske