Kleinstadt-Modell soll Deutschland vor Herzinfarkten schützen

Deutsche Herzstiftung und Krankenkasse BKK24 kooperieren im Kampf gegen die schlimmsten Volkskrankheiten

OBERNKIRCHEN/FRANKFURT. Wenn Supermodel Heidi Klum für das soziale Gewissen einer großen Getränkemarke durch die Werbepause stöckelt, sieht das nach sehr viel Spaß und Lebensfreude aus. So einen Auftritt darf man dann schon mal mit dem Appell an die Menschen verbinden, sich um ihre Herzgesundheit zu kümmern. Ob die Botschaft ankommt, ist aber genauso ungewiss, wie bei den wissenschaftlich geprägten Initiativen der Deutschen Herzstiftung, die statt kurzer Röckchen seriöse Zahlen und Fakten präsentiert. Jetzt soll die frisch formierte Allianz mit einer Krankenkasse Spaß und Anspruch ergebnisorientiert verbinden, im Kampf gegen Deutschlands schlimmste Volkskrankheiten.

Die Tür zu dieser Kooperation öffnete Kassenvorstand Friedrich Schütte mit dem Start eines Pilotprojektes im vergangenen Jahr. Damit holte seine BKK24 zuerst große Teile der Bevölkerung aus der niedersächsischen Bergstadt Obernkirchen vom Sofa. Statt Vorsorge anzumahnen, wurde sie zum Freizeitspaß umgebaut, mit einem auf den ersten Blick unglaublichen Nutzenversprechen: Wer mitmache, fühle sich sofort besser, sehe auch so aus und habe die Chance, bis zu 14 Jahre älter zu werden. Solche Slogans hatte man der eher angestaubten "Gesetzlichen" bis dahin kaum zugetraut.

Dabei ist der wissenschaftliche Beweis für die Lebenszeit-Formel von der Cambridge Universität im Rahmen der europaweiten EPIC-Studie bereits erbracht. Nachdem in 17 Staaten der Gemeinschaft nach der Wirkung von Bewegung, Ernährung, Nikotin und Alkohol auf die Lebenserwartung geforscht worden war, analysierte man dort das Zusammenwirken aller vier Faktoren. Ergebnis: Die Kombi macht’s. Die fast eineinhalb Jahrzehnte mehr resultieren aus der richtigen und den persönlichen Lebensumständen angepassten Dosis, die allerdings beim Nikotin gleich Null sein sollte.

In Obernkirchen fragt man mit dem aus der Wissenschaft in die Praxis übertragenem Programm das bisherige Verhalten ab und macht individuelle Vorschläge, die Freizeitspaß und Gesundheitsvorsorge in Einklang bringen. Vereine und andere Leistungsträger entwickeln dazu passende Angebote, die auch tatsächlich angenommen werden. Auch ohne Supermodell und "nur" mit Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt als Gesicht der Initiative überstieg die Teilnehmerzahl vom ersten Tag an die kühnsten Erwartungen. Doch obwohl noch in diesem Jahr zwei weitere "Vorsorgeregionen" in Niedersachsen erschlossen werden, fehlte dem Projekt bisher eine wichtige Komponente: Die Ärzte als ausgebildete Präventionsprofis, deren Rolle in der so genannten "Länger besser leben"-Aktion noch nicht klar definiert war.

Das änderte sich schlagartig, als die Deutsche Herzstiftung nach einer Idee der VR Consult mit Wolfgang Bachmann und Prof. Helmut Gohlke an der Spitze einen eigenen Kurs ansteuerte, um die erschreckende Zahl von 250.000 neuen Infarktopfern pro Jahr klein zu kriegen. Die mit Maßnahmen zum Aufrütteln der Bevölkerung beauftragte Denkwerkstatt hatte ein Konzept vorgelegt, um die gestresste Nation über die Ursachen von Herz-Kreislauferkrankungen und Schlaganfällen aufzuklären. Regional sollen Ärzte und Therapeuten in Kursen vermitteln, wie man sich mit dem richtigen Mix aus Bewegung, Ernährung, Nikotinverzicht und wenig Alkohol vor dem gesundheitlichen Overkill schützt. Komponenten also, die wie die Faust aufs Auge zu den Inhalten der Krankenkassen-Kampagne passen. Professor Thomas Meinertz, Vorstand der 72.000 Mitglieder starken Stiftung und Chef des Hamburger UKE, erkannte zusammen mit seinem Kollegen Professor Helmut Gohlke die Bilderbuch-Chance, zum Angebot auch gleich die Nachfrage zu produzieren. Wer sich nämlich ohnehin durch Ausfüllen eines Fragebogens zu einem längeren besseren Leben entschlossen hat, der nimmt auch die Beratung gern in Anspruch. "Und darin sind die Ärzte und Therapeuten die absoluten Profis", lobt BKK24 Vorstand Friedrich Schütte.

Obwohl sie zunächst aus eigener Tasche dafür bezahlen müssen, um vor dem ersten Kurs als Mediziner auch in den letzten Vorsorgedetails geschult zu werden, wird die Bewerberliste immer länger. Statt aufeinander zu schimpfen, wie das Ärzte, Stiftungen und Krankenkassen zuweilen tun, zieht man an einem Strang. "Es sieht aus, als ob mit diesem Projekt ein praktikables und nachhaltiges Modell für die Herzvorsorge entsteht", ahnt Wolfgang Bachmann. Und Schütte geht sogar noch weiter: "Wir haben der Gesundheitspolitik ein Pilotprojekt versprochen, dass sich auf ganz Deutschland übertragen lässt. Diesem Ziel sind wir ein gewaltiges Stück näher gekommen." Die gleichen Waffen, die Stiftung, Kasse und Ärzte jetzt auf das Infarktrisiko richten, wirken nämlich zum Beispiel auch gegen Darmkrebs. Was für das Herz gut ist, senkt die Wahrscheinlichkeit dafür um 50 Prozent.

Fragebogen
Prof. Dr. Helmut Gohlke
Portraitfoto Prof. Dr. Helmut Gohlke